Nikon D700 vs. Nikon D3 im Praxiseinsatz – die ungleichen Schwestern…

Meine Lieblingskamera ist die Nikon D3, ich arbeite schon lange mit dem guten Stück und bin immer wieder begeistert – weil ich mich auf das Werkzeug einfach verlassen kann, und die Bedienung mir schon regelrecht ins Blut übergegangen ist. Vor einem halben Jahr wurde es nun notwendig, eine Zweitkamera anzuschaffen. Eine zweite D3 kam für mich (oh Wunder) aus Budget-Gründen nicht in Frage. es sollte eine Vollformatige Kamera werden, um meine Flexibilität nicht einzuschränken – somit habe ich mich also für eine Nikon D700 entschieden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Auf den ersten Blick haben beide Kameras einen identischen Sensor, beide sind Vollformat, beide verwenden CF-Karten, beide sind in der Bedienung weitestgehend ähnlich. In vielen Foren wird diskutiert, dass die D3 eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr hat, seit die D700 auf dem Markt ist. So habe ich mich denn für die D700 entschieden (nachdem ich es ursprünglich mal kurz mit einer älteren D2x versucht habe, aber das ist eine ganz andere Geschichte…).
Vielleicht zum Hintergrund: Meine Erfahrungen sind natürlich recht subjektiv, stützen sich aber immerhin auf den Alltag im Leben eines Hochzeitsfotografen, der an einem Shootingtag durchaus mal mit über 2.000 Bildern heim kommt. Die Nutzung der Kameras ist ca. 65% D3 gegen 35% D700 – die D700 hat dabei meist eher die weitwinkligen Linsen im Einsatz, die D3 eher Telelastig (mehr dazu später).

Mein Fazit für Lesefaule vorab in kurzen Worten:
Die Zwei mögen Geschwister sein, aber sie sind definitiv keine Zwillinge. Beide Kameras sind doch sehr verschieden und im harten Einsatz mit beiden gleichzeitig (eine rechts, eine links im Anschlag) ergeben sich doch viele Unterschiede, die die Benutzung nicht gerade erleichtern – oder noch kürzer: Es geht eben nichts über eine „echte“ D3!

Sensor:
Beide Sensoren haben die gleiche Auflösung, allerdings hat die D700 eine eingebaute Sensorreinigung. Ein unbezahlbarer Vorteil gegenüber der D3. Nicht nur bei häufigem Objektivwechsel (ich arbeite eigentlich immer draußen) neigt die D3 dazu, Staub und Dreck regelrecht einzusaugen. Die D700 dagegen bleibt eigentlich immer sauber, vermutlich macht die Sensorreinigung hier einen hervorragenden Job. Wer den Sensor einer D3 schon mal gereinigt hat, der weiß, dass das kein Spaß ist, denn oftmals schubst man den Schmutz nur von einer Ecke in die andere. Auch mit Sensor-Swabs ist man bis zu 20x am Wischen, bis alles wieder sauber ist. Das ist dann allerdings auch wirklich schon der einzige Unterschied, den ich feststellen konnte.

Bildqualität:
In Sachen Bildqualität sind beide Kameras absolut ebenbürtig. An den Bildern kann ich zumindest nicht erkennen, ob sie aus der D3 oder der D700 kommen. Beide Kameras sind eben hochentwickelte Spiegelreflexkameras. Für den Preis sollte man das allerdings auch erwarten können.

Akkus:
Ich habe mich dazu entschieden, die D700 mit dem Batteriegriff Nikon MB-D10 zu verwenden, das hat den entscheidenden Vorteil, dass beide Kameras den gleichen Akkutypen verwenden – zwar mit unterschiedlichen Adaptern, aber zumindest kann man beide Akkus samt Adaptern gleichzeitig am D3 Ladegerät aufladen, was den Ladegerätewahnsinn erheblich eindämmt. Ein weiterer Vorteil der großen Akkus in der D700 ist natürlich die damit erreichbare höhere Serienbildgeschwindigkeit. Ansonsten muss man sagen, dass beide Kameras in der Regel komplett ohne Akkuwechsel durch eine Hochzeit kommen, man kann problemlos mehr als 1.000 Bilder mit einem Akku machen.

Geschwindigkeit:
Wie oben bereits angedeutet, setze ich die D700 mit dem Batteriegriff MB-D10 ein, die D700 erreicht damit eine Serienbildgeschwindigkeit von 8 B/s – die D3 ist da mit den 9 B/s ein klein wenig schneller, in der Praxis ist das jedoch vollkommen unerheblich und nicht merkbar.
Rein subjektiv habe ich das Gefühl, dass die D3 ein winziges bisschen schneller focussiert als die D700, das kann aber auch täuschen. Bei Objektiven mit dem alten Stangen-AF (mein altes 85/1.4 und das 135/2) bemerkt man allerdings, dass die D3 hier einen kleinen Geschwindigkeitsvorteil hat.

Lautstärke:
Dieses Thema entscheidet die D700 mit Abstand für sich. Besonders in der Kirche und im Standesamt ist ein Arbeiten mit der D3 eigentlich nicht möglich, wenn nicht gerade die Musik spielt. Hier bemerkt man am Deutlichsten, dass beide Kameras eben doch vollkommen unterschiedlich konstruiert sind. Zitat eines lachenden Standesbeamten unter D3 Dauerfeuer beim Ringtausch „ham wir’s dann?“.

Menüführung:
Die beiden Menüs zur Bedienung von D3 und D700 sind schon extrem ähnlich und man findet sich auf jeden Fall sofort in der jeweils anderen Menüführung zurecht. Unterschiede gibt es in Details, so ist es bei der D700 zum Beispiel nicht möglich das Formatieren im Custom-Menu zu hinterlegen. Aber wirklich kein Beinbruch, und sicher nicht Entscheidend, da man ja während des Shootings doch eher selten in Menüs rumclickt.

Bildvorschau:
Bildvorschau am Display ist aus meiner Sicht ein extrem wichtiges Werkzeug um schon am Set sofort zu sehen, ob die Schärfe sitzt, und das Bild so wie man es vor Augen hatte nun auch wirklich im Kasten ist. Da ich viel mit offenblendigen Linsen arbeite, möchte ich besonders gerne immer in der 100% Sicht sehen, ob die Schärfe wirklich genau dort ist, wo ich sie haben wollte. Bei der D3 drücke ich entweder das mittlere Knöpfchen in der Mitte der Auswahlwippe, oder halte das Lupensymbol gedrückt und kann mit dem Daumenrad den Anzeigemaßstab ändern. Mit der Auswahlwippe kann ich im Bild herumfahren. Bei der D700 ist das leider anders – zumindest ist es mir bisher nicht geglückt, den Knopf in der Auswahlwippe als „100% Knopf“ zu konfigurieren. Auch das Vergrößern der Ansicht ist hier leider anders gelöst, so muss ich so oft „plus“ drücken, bis ich den gewünschten Ausschnitt habe. Ehrlich gesagt macht mich dieser kleine Unterschied in der Bedienung wahnsinnig beim Shooting, da ich immer erst nachdenken muss, welche Kamera ich gerade in der Hand halte – und da bei Hochzeiten alles doch immer recht schnell geht, ist lange überlegen eigentlich tabu. Ich verstehe auch nicht ganz, warum Nikon diese andersartigkeit eingebaut hat, sind doch sonst die Knöpfe identisch – nur eben anders belegt.

UPDATE: Danke an Andreas aus dem canikon – Forum für den Hinweis, wie man die 100% Ansicht auf den Mittelknopf legt -> click!

Bedienung und Knöpfe:
Apropos Knöpfe: Beide Kameras haben Nikon typisch viele Schalterchen und Knöpfe. Die D3 hat noch ein paar mehr davon, so befinden sich ein paar Knöpfchen direkt unter dem hinteren Display der D3. Quality und ISO beispielsweise sind bei der D700 am zentralen Bedienelement links vom Sucher angebracht – an dieser Stelle hat die D3 den Bracketing-Knopf. Eine Wahre Freude für die Freunde von Belichtungsreihen, die so nicht lange im Menü herumsuchen müssen. Die meisten anderen Knöpfe sind allerdings gleich. Trotzdem bleibt einfach der Eindruck, dass die Knöpfe und Schalterchen bei der D3 noch ein wenig stabiler und wertiger ausgelegt sind, als bei der D700.

Belichtungsmessung / Spotmessung:
Hier findet sich aus meiner Sicht der größte Haken der D700 gegenüber der D3. Ich konnte es anfangs gar nicht glauben…
Aber der Reihe nach. Mein Exemplar der D700 neigt immer ein wenig zur Unterbelichtung, weshalb ich sie grundsätzlich korrigiert mit +1/3 Blendenstufe einsetze. Nichts wirklich schlimmes, man muss halt dran denken, gerade, wenn man mit beiden Kameras in einer Belichtungskorrektur arbeitet. Nun aber der wirkliche Haken an der D700: Die Spot-Messung hat eine andere Charakteristik als die der D3!! So verwendet der Spot der D3 einen erheblich kleineren Messkreis als in der D700. Das macht den Umgang beider Kameras in der Tat ein wenig schwierig, und man muss wirklich genau darüber nachdenken, welche Kamera man gerade im Einsatz hat. Bei Gegenlicht mit der D700 muss ich grundsätzlich einiges an Beichtung hineinkorrigieren, um die gleichen Ergebnisse wie bei der D3 zu bekommen, die durch das kleinere Messfeld einfach präziser den richtigen Lichtwert herausmisst. Deshalb verwende ich zum Beispiel an der D700 eher weitwinklige Brennweiten, an der D3 eher die Längeren, was bei meinen Motiven das Problem nicht so extrem erscheinen lässt. Ich habe es erst nicht glauben wollen, aber andere Fotografen, die mit der gleichen Kombi arbeiten, haben mir das Phänomen bestätigt (die meisten auch mit Kopfschütteln).

Der Speicherkartendeckel:
Nikon, was hast Du Dir bei dem Speicherkartendeckel der D700 gedacht?? Vielleicht habe ich ja auch krumme Finger, aber ich öffne während der Schiesserei gerne mal versehentlich das Speicherkartenfach der D700. Dieses geht aus meiner Sicht viel zu leicht auf, es verriegelt nicht richtig und ist definitiv ungünstig angebracht. Mir ist bisher leider auch keine Bastellösung eingefallen (ausser Panzerband, aber naja) die diesen Deckel verbessern würde…

Speicherkarten:
Gutes Stichwort: Die D3 hat Platz für 2 CF-Karten, die D700 nur für eine. Am Anfang war ich mir unsicher, ob die zwei Karten so Sinnvoll seien, inzwischen liebe ich es allerdings. Ich schreibe meine Daten parallel auf beide Karten, und kann mir so absolut sicher sein, dass ich die Daten auch habe, selbst wenn mal eine Speicherkarte ausfallen sollte. Zugegeben, das passiert selten, mir ist es allerdings schon einmal passiert, dass eine Speicherkarte einfach nicht mehr lesbar war. Sowas treibt den Blutdruck in schwindelnde Höhen.

Dichtigkeit:
Angeblich ist die D700 nicht ganz so gut gegen Wasser gedichtet wie die D3. Das kann ich (zum Glück) nicht bestätigen, auch wenn ich wirklich schon bei viel Rege gearbeitet habe, haben mich beide Kameras nie sitzen lassen.

Haltbarkeit:
Beide Verschlüsse sind vollkommen unterschiedlich konstruiert, wohl auch der Grund, warum die D3 erheblich lauter ist als die D700. Hier allerdings setzt wohl auch die Haltbarkeit an. Angeblich ist der Sensor der D700 auf 150.000 Auslösungen ausgelegt, der von der D3 auf 300.000. Darüber findet man allerdings unterschiedliche Angaben. Ich denke, dass beide Zahlen sehr hoch sind und dem Preissegment genügen. Wem die grosse Haltbarkeit wichtig ist, der muss allerdings definitiv zur D3 greifen – das ist natürlich noch lange nicht der einzige Grund.

Eingebauter Blitz:
Über den eingebauten Blitz kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich habe ihn bisher nur 1 mal benutzt – in dem Fall war es mir einfach zu peinlich, noch einen SB900 zu montieren, da ich im Kreißsaal mit der D700 eh schon etwas deplatziert aussah…
Der kleine Blitz in der D700 hat aber den entscheidenden Vorteil, dass man mit diesem das Nikon Creative-Light System steuern kann – also konkret andere Nikon Systembitze fernbedienen. Das ist ne tolle Sache, erledige ich allerdings mit dem SU-800 von Nikon, der genau diese Fernsteuerung übernimmt, und als Gerät auf den Blitzschuh von D3/D700 geschoben werden kann. Ich bevorzuge das kleine separate Gerät, weil es mir das Aufrufen des Menüs erspart.

Womit wir mal wieder am Fazit angekommen wären:
Die Nikon D700 und die Nikon D3 mögen Geschwister sein, aber sie sind definitiv keine Zwillinge. Beide Kameras im direkten Praxisvergleich sind doch sehr verschieden und im harten Einsatz mit beiden gleichzeitig (eine rechts, eine links im Anschlag) ergeben sich doch viele Unterschiede, die die Benutzung nicht gerade erleichtern – oder noch kürzer: Es geht eben nichts über eine „echte“ D3 – oder zwei?

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