Fotografie mit Seele?

Es war – einmal wieder – eine Diskussion mit Marc, und dessen Artikel „Sterile Langeweile", und schon begann es in meinem Kopf zu rasseln…

Das „perfekte Bild“ ist für uns alle inzwischen  vollkommen normal geworden, und gewissermassen Standard. Wir schauen uns all die perfekten Bilder gar nicht mehr genau an, unser Gehirn blendet sie aus, sie sind „normal“ geworden – und doch hängen wir alle dem „perfekten Bild“ hinterher – mit der perfekten Technik… Wir haben Kameras mit 40 Megapixeln, Autofocussysteme voller Hightech, neuerdings sogar Kameras mit selbstsuchendem „Augen-AF“, und viele Fotobegeisterte können Tagelang über nichts anderes diskutieren, als über Technik, Pixel, featurefucking details… im Wettrennen um die beste Ausrüstung für das „perfekte“ Bild… Bei all der Technik und den Pixeln, den Workflows und Circles of Confusion, dem checken von Webseiten und Labortests auf dem Weg zum perfekten Bild kann man schon mal ein paar Kleinigkeiten vergessen…

Und plötzlich siehst Du es. Dieses eine Bild. Das so anders ist. So fremd aussieht. So gar nicht perfekt sein will. Es ist schwarzweiss. Aber anders schwarzweiss als es der neueste „NIK-Filter mit Edition Pack“ hinrechnet. Es hat andere Grautöne, es ist nicht wirklich scharf, also doch scharf, aber nicht so, wie Du es kennst, es hat eine andere Dynamik, es es körnig, aber anders, es ist… „lebending“ – das Bild hat eine Seele!

Auf der Suche nach den „Exif-Daten“ findest Du es heraus – die „Nikon FA“ ist also die Kamera, fotografiert wurde mit ISO400 auf – FILM!

Die Sache mit dem Film
Ja, ich bin „gross“ geworden mit der Fotografie auf Film, und ich habe es geliebt und gehasst gleichermassen. Weil es nichts anderes gab. Schlecht entwickelt, „der Schuss“ unscharf, keine Bildkontrolle, schlechte Qualität (wir fanden das gut damals!!), nur 36 Bilder auf einem „Speichermedium“, was waren wir genervt… Ich liebe die digitale Fotografie mit ihrer unfassbaren Qualität, der Geschwindigkeit, den Möglichkeiten der Nachbearbeitung, das nicht nachdenken müssen, ob man jetzt nochmal auslöst oder nicht, die schnellen AF-Systeme, und ja, ich liebe auch mein Aperture – viel mehr als die Pergamenthüllen für Negative – und trotzdem war es immer toll, die Kontaktbögen und die Negative abzuheften…

Und trotz all der Vorzüge hat es die digitale Fotografie bisher aus meiner Sicht nicht geschafft, den Bildern eine Seele zu geben, so wie es die analoge Fotografie zu tun vermag. Aus meiner Sicht ist das nicht das Fehlen von Features wie Autofocus (den mag ich auch bei analogen Kameras), sondern es ist der Umgang mit dem Medium und das viel bewusstere Umgehen mit dem „Medium Fotografie“. Es geht schon damit los, die Kamera zu öffnen, einen Film aus der Verpackung zu nehmen, ihn einzufädeln. Dann das bewusste Fotografieren, das Spüren, wie der Film durch den Kamerabody gezogen wird… Dann das Entnehmen der Filmpatrone, den Anfang herausziehen, ein Stück abschneiden, das Fluchen in der Dunkelkammer, den Film aufzuspulen, wieder mal eine Schere vergessen zu haben, das Tasten nach dem Deckel der Jobo – Dose, und dann die endlosen 15min vom Entwickeln übers Fixieren und Spülen, bis Du den entwickelten Film patschnass aus der Spule ziehst und zum Trocknen aufhängst – und schon zu beurteilen versuchst, ob die Schüsse, die Dir so wichtig waren, sassen oder nicht… Deine Hände riechen nach Fixierer…

Und dann die Ergebnisse: In verhältnismässig schlechter Qualität (jede digitale ist schärfer, perfekter) schaust Du Deine Bilder an, Bilder mit Seele, Bilder die „gewachsen“ sind, die „sich entwickelt“ haben in Deinen Händen, Bilder die eine Geschichte haben, eine Dynamik haben, wie sie keine digitale Kamera darstellen kann, Bilder die einfach lebendig sind…

Inzwischen gehören beide Arten der Fotografie für mich zu jedem Shooting dazu. Wohl wissend aber, dass der Blick für „Fotografien mit Seele“ nicht jedem vergönnt ist. Spätestens, wenn es um kommerzielle Arbeiten geht, ist Analog heute ein absolutes NoGo. Die analoge Fotografie hat für mich heute mehr den Stellenwert der Kunst, und ist für mich eine Ausdrucksform von mir als Fotografen. Und trotzdem hat die analoge Fotografie ihren Weg auch in meine digitalen Arbeiten gefunden, denn fast alle digitalen Bilder bearbeite ich so, dass sie im Look meinen geliebtesten analogen Filmen nahe kommen…

…ein kleines bisschen Seele für die technische Perfektion unserer Zeit…

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