Ein Jahr Leica – eine Standortbestimmung

Zugegeben
eigentlich fängt der Artikel ja schon mit einem Selbstbetrug an – die erste Leica flatterte nämlich schon vor gut 1 1/2 Jahren in meine Fototasche: Es war die analoge Leica M6, mit der alles begann, und mit der ich – jahrelanger Nikon-Fotograf – den modernen Kram in Frage stellte, und lernte – lernen musste – mich weit mehr auf das Bild zu konzentrieren, mich auf die Fotografie ganz anders einzulassen als zuvor… aber darüber habe ich mich in einem anderen Artikel bereits ausgiebig ausgelassen…

Ein Jahr
ist es nun also her, dass sich zu der analogen Leica auch eine digitale (M9) gesellte. Kurze Zeit später kam auch noch eine „M“ dazu. Ein Jahr. Ein Jahr in dem fototechnisch sehr viel passiert ist. Was alles komplett an mir vorbeigehen sollte…

Objektive – Wer ist eigentlich Walter Mandler?
Recht schnell ist mir bei der Wahl der Objektive aufgefallen, dass man bei Leica anders vorgeht, um die richtigen Objektive zu finden. Während man bei dem einen Hersteller alles ansammeln „muss“ was einen roten Ring hat, und bei dem anderen alles, was einen goldenen Ring hat, muss man sich in die Leica Welt erstmal hineinfinden (es sei denn man ist erfolgreicher Zahnarzt, oder Unterlassungsanwalt und kann einfach alles kaufen, was im Leica-Store hinter abgeschlossenen Vitrinenfenstern lagert). Man sucht eigentlich Linsen, die zum eigenen Foto-Stil (und Geldbeutel) passen. Auf dem Weg dahin stösst man auf eigenartige Dinge: So gab es zum Beispiel den genialen Konstrukteur Walter Mandler, auf dessen Entwicklungen die aus meiner Sicht interessantesten Objektive zurückgehen, so musste ich unbedingt das 1.4/50 und das 1.4/75 aus seiner Schaffensphase haben. Objektive, die es natürlich nur gebraucht gibt. Warum es genau diese sein mussten? Weil mir Zeichnung und Bokeh so gut gefallen, und sehr gut zu der Art passen, wie ich fotografiere. Warum das so ist? Weils eben so ist. Das ist übrigens öfter so mit den Leica Sachen…

Die Sache mit der schwarzen Amex
muss ich bei dieser Gelegenheit natürlich auch unbedingt loswerden: Es gibt (so bestätigte das auch ein Verkäufer aus dem Leica Store in München) offensichtlich zwei Arten Leica-Fotografen: Die, die damit fotografieren (da zähle ich mich dazu) und die, die sie besitzen wollen. So stand ich im Münchner Leica-Store, begutachtete eine gebrauchte Linse (ich habe alles gebraucht gekauft), als ein Herr in den Laden kam, der einen Anzug trägt, der vermutlich teurer war als mein Auto. Er fragte „haben Sie eine schwarze Leica M-P und das 0.95/50 da?“ – beides war vorrätig und wurde vom Verkäufer aus dem Lager (oder aus dem Safe?) geholt. Der Kunde wollte beides haben, und der Verkäufer zückte ein Messer, um die Verpackungen zu öffnen und auf Vollständigkeit zu prüfen – da schrie der Kunde panisch „HALT – NICHT ÖFFNEN – die Sachen kommen originalverpackt in die Sammlung“ – wenige Sekunden später habe ich das erste mal in meinem Leben eine schwarze Amex-Karte gesehen. Faszinierend…

Egal.

Ganz oder gar nicht
so ist das also eben manchmal im Leben – man muss Entscheidungen treffen, und diese auch leben. Da stand ich dann also mit Leica, einem 1.4/50mm, und einem 1.4/75mm Summilux, und einem Nocton 1.2/35. Schöne, neue Welt.

„Wie fotografiert es sich denn nun so mit Leica?“
Zugegeben, eine naheliegende Frage, die ich nur mit „prima“ beantworten kann. Die Sache ist eben die, dass man sich auf diese Kameras und die Art damit zu fotografieren einlassen muss. Die Kamera wird zu einem Werkzeug, das in Fleisch und Blut übergeht, und dann vergisst man sie einfach, und fotografiert. Das mag sich jetzt komisch anhören, aber genau so fühlt es sich an. Ich habe das zuvor mit keiner anderen Kamera so erlebt, irgendwie war die Technik immer präsent, und man musste irgendwas damit „tun“ – mit der Leica fotografiert man einfach nur.

So schön. So falsch
sind manchmal die Ergebnisse. Die Objektive haben alle so ihre kleinen Macken. Offensichtlich scheint es eine grosse ingenieursmässige Herausforderung zu sein, Objektive herzustellen, die ein schönes, weiches Bokeh zeichnen. Ich habe bei der Gelegenheit mal das Wort METTWURSTBOKEH erfunden. Irgendwie war das Bokeh bei einem Objektiv für meine Begriffe einfach zu aufgeregt, zu zermatscht, und zu fleckig. Auch hier sind wir wieder bei dem Thema „welche Objektive möchte ich denn haben“ – eine Frage, mit der man sich ausführlich beschäftigen sollte, Bilder vergleichen, mit Leica-Fotografen reden…
Ja und dann ist da noch die Sache mit dem Lichteinfall – zur Zeit ist es ja modern, Objektiv-„Fehler“ künstlich in Photoshop einzubauen, es gibt sogar Plugins, die man kaufen kann, um irgendwelche Blendeffekte nachträglich ins Bild einzubauen – das „können“ die Leica Linsen meist schon ganz von alleine – dummerweise muss man das alles erst verstehen – auch das muss in Fleisch und Blut übergehen. „Bei welchem Sonnenstand ergibt sich welcher Bildeffekt“ – so ist beispielsweise das 1.4/75 extrem anfällig gegen seitliches Licht, was das Objektiv mit wildem Streulicht quittiert – „eigentlich“ sowas wie ein „Fehler“ – aber für mich ist es eben ein wundervolles Stilmittel.

Weniger: 1000 auf 100 clicks
Da ist diese Sache mit der Anzahl Bilder. Bin ich früher aus einem klassischen Portrait Shooting mit vielen hundert Bildern nach hause gegangen, so ist es heute deutlich weniger. Geschätzt nur noch 10 – 25% der Anzahl, die ich früher gemacht habe. Das liegt zum Grossteil natürlich daran, dass ich manuell focussieren muss, und eben nicht „piepelpieps“ ein Knöpfchen antippe. Das hat natürlich Nachteile: Sport? Bewegung? Herrje – aber andersrum ist es auch sehr schön: das Shooting wird automatisch „entschleunigt“ (ein Modeword muss man ja auch im Zusammenhang mit Leica verwenden dürfen, oder?) – so sagte mir ein Model zum Beispiel mal, dass es schon aufgrund der Art, wie ich fotografiere (-n muss) einfach deutlich entspannter ist. mir geht es ähnlich – ich nehme mir selbst auch weit mehr Zeit, mit VOR dem Knopf drücken Gedanken zu machen. Passt die Pose? Wie ist das mit dem Licht gerade? Und wie sehen denn die Haare schon wieder aus?

Du bist raus
Ja und dann passiert es – Du triffst andere Fotografen. Die mit den modernen Kameras, die lustige Geräusche machen können, piepseln, rote Ringe haben, Frontlinsen wie Aschenbecher… und da werden plötzlich Dinge diskutiert, bei denen man einfach nciht mehr mitreden kann. „Hast Du schon das neue L II VR?“ – „hier guck mal, Augen-Autofocus mit Schärfenachführung“ – „ich kann die Knöpfe C1 bis C14 ja frei belegen“ (so viele Knöpfe HABE ich gar nicht – ich wüsste auch nicht, was ich da drauflegen sollte – „an/aus“?) – „Die neue XYZ hat ja jetzt keinen Tiefpassfilter“ (ach?) – und dann kommt die Aussage bei der ich wieder schmunzeln muss „ich kann per Adapter sogar manual Focus Linsen benutzen“ (ACH?). „UND DU SO?“ – „ich hab Leica“ – „ACH!“.
Ehrlich: DAS ist vielleicht das entspannendste und wichtigste Argument für eine Leica: DU BIST RAUS! Diese ganzen Diskussionen gehen vollkommen an einem vorbei. Im Gegenteil: es interessiert plötzlich sogar gar nicht mehr – hat man früher täglich die „rumors“ Seiten gecheckt, um herauszufinden, wann man endlich wieder einen Batzen Geld einem Hersteller für die Version 7 einer Fotohardware überweisen darf, bekommt man das eigentlich gar nicht mit. Die ganzen Diskussionen über die neueste Technik interessiert mich nicht mehr, langweilt mich sogar. Und DAS will echt was heissen…

ISO-Fähigkeit
ISO-wieviel? Es dämmert – ich bin raus, danke! Ging früher auch, warum brauch ich heute ISO 25.600? Früher war bei 3.200 Schluss. Heute auch. Für mich persönlich ist die Grenze der M9 bei 800 und die der M bei 2.500. Mehr brauch ich auch nicht.

Die Kleine für unterwegs
hab ich ja schon. Wer jahrelang mit Nikons D3 und D4 Monstern umhergelaufen ist, muss sich an die handliche Leica erstmal gewöhnen. War früher immer die Frage „was nehme ich mit in den Urlaub“ oder „ich brauche mal eine Kamera für den Ausflug mit dem Nachwuchs“ ist das jetzt schon geklärt. Die Leica mit nem 50er kommt mit. Die passt in jeden Rucksack, wiegt nicht viel, und macht immer genau die Bilder die ich haben möchte.

Und die Nachteile?
Ja gut, da gibt es hunderte. Also von den vollkommen durchgebrannten Preisen mal abgesehen. Also hier ein paar Nachteile: Leicas machen komische Geräusche. Sie quaken. Die Folgekosten sind immens, weil man plötzlich Zubehör braucht, von dem man früher nicht mal wusste, dass es das gibt (Halfcase??), geschweige denn, dass man das braucht (braucht man auch wirklich nicht, ist aber super!). Und wer bitte ist auf die Idee gekommen, die Speicherkarte unter die Bodenklappe zu basteln, so dass man die immer erst abbauen muss? Wieso „schätzten“ Leicas die genutzte Blendenöffnung (meist falsch) und schreiben die dann in die Exif-Daten. Wozu brauch ich überhaupt Exif Daten, wenn das alles nur Annahmen sind? Und warum muss man das benutzte Objektiv im Menu einstellen – beim Objektivwechsel vergisst man es umzustellen und weiss am Ende überhaupt nicht mehr, welche Linse nun für welches Bild verantwortlich war. Und kommt mir jetzt bitte nicht mit „6-bit Codierung“ an den Objektiven, jeder Leica Fotograf hat schonmal mit Folienschreiber und Tipp-Ex versucht, den Code auf Objektive aufzubringen, damit diese automatisch eingestellt werden – dann hat man ein Fremdobjektiv und schon ist alles wieder Quatsch. Diese Liste könnte man natürlich lang weiterführen – aber wozu? Ich kenne niemanden, der eine Leica gekauft hat, weil es so „vernünftig“ oder „praktisch“ ist. Ist es nämlich nicht. Aber schön isses.

Leica-Understatement
funktioniert vielleicht unter Fotografen („oh, eine Leica“) – aber sonst auch nicht. Models ziehen die Augenbrauen hoch, wenn man die altertümlich anmutende Kamera auf sie ansetzt, und umherstreunende Touristen, denen man die Kamera in die Hand drückt, um auch mal ein Bild von sich selbst zu haben (Blende zu nicht vergessen, scharf stellen kann kein Tourist!) sagen dann gern mal „oh, das ist aber eine alte Kamera, ich hab ja eine moderne Canon“ (echt passiert)… Ehrlich: seid stolz drauf, wenn Ihr eine habt, aber hofft nicht im Geringsten, dass das ausser Euch jemand bemerkt. Und das ist verdammt gut so! Es ist ein spleeniger Fotoapparat mit veralteter Technik, sonst nix.

Fazit?
Ach so, ja. Also. Ich habe das Gefühl, „angekommen“ zu sein. Ich mag die Leica, ihre Macken, das System, die Bildfehler der Objektive, das zickige Verhalten, die Verlangsamung der Fotografie – aber besonders die Bilder – die irgendwie „anders“ sind, und kein Mensch sagen kann, warum…

 

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