Backup / Filehandling Konzept für Fotografen – und andere Neurotiker

 

Backup. Dieses fürchterliche Wort, das sich von Anfang an so anhört als müsste man Hirn und Geld investieren für etwas, das man eigentlich gar nicht benutzen will. Also so was wie Airbags in Autos: Haben will sie jeder, aber benutzen eigentlich nicht. Trotzdem schön, wenn man weiss, dass man welche hat, oder?

Der Reihe nach: ich werde tatsächlich relativ häufig gefragt, wie ich denn eigentlich mein Backup organisiert habe. Das kann verschiedene Ursachen haben: Entweder weil ich mir darüber echt Gedanken gemacht habe, oder weil es sich herumgesprochen hat, dass meine Lösung vollkommen übertrieben ist, und Menschen die Details nur wissen wollen, weil es sie belustigt. Ich Tippe auf Letzteres – deshalb schreibe ich es mal zusammen.

Backup? Wozu?

Also jeder der bei diesem Artikel gelandet ist, hat sich vermutlich schonmal die Frage gestellt, was eigentlich los ist, wenn mal die Festplatte kaputt ist. Das betrifft eigentlich jeden. Schon für die Familienbilder, die Fotos vom Aufwachsen des Nachwuchses, die Dokumentation der Briefmarkensammlung (??) oder die Bilder des letzten Urlaubs – sind all diese Bilder weg, ist das mal ärgerlich, und in vielen Fällen wirklich (nicht) schade. Erheblich tragischer sieht es aber schon aus, wenn es um Bilder (oder andere Daten) von Kunden geht. Da kann man sich einen Verlust einfach nicht leisten. Spätestens also wenn man Aufträge für Kunden fotografiert, sollte man sich wirklich Gedanken über ein brauchbares Backup-Konzept machen, von dem man weiss, dass es die meisten Risiken abfängt und im Fall des Falles auch greift – man also in der Lage ist, verloren gegangene Bilder möglichst einfach wieder im Zugriff zu haben.

Was denn für Risiken?

Macht Euch nichts vor: das grösste Risiko seid Ihr selbst. Bilder gelöscht, LR-Katalog verschlampt, Platte formatiert, externe Disc verlegt, Töchterchen spielt so gern mit Festplatten, oder der pubertierende Nachwuchs brauchte die Platte eben dringender als Du für Deine Bilder…
Aber es gibt natürlich auch noch andere Risiken, die es abzufangen gilt: Ganz vorne der Hardware-Defekt (Platte kaputt, Rechner kaputt, Computer zerstört vom Hund), Computervirus (ja, liebe Mac-User, das ist echt immernoch ein Problem), logische Fehler – zum Beispiel wenn Lightroom wegen eines dummen Fehlers leider die Bilder der letzten Monate verschluckt hat… Dann gibt es natürlich noch Verlust des Computers (in der U-Bahn liegen lassen, oder der kräftige Typ mit dem Baseball-Schläger brauchte ihn einfach dringend, und damit…), Diebstahl, Einbruch – ja und schliesslich kommen noch die richtig fiesen Sachen: Euer Haus brennt ab (oder nur der Computer?), ein Wasserschaden zerstört Eure Festplatten. Atomkrieg schliessen wir jetzt erstmal aus, denn dann haben wir ja ganz andere Probleme als die fehlenden Bilder von Mutti aus dem Italienurlaub 1992…
Wer bis hier gelesen hat und immernoch der Meinung ist dass alles bestens in Ordnung ist, kann sich einen Tee kochen – aber der ein oder andere Fall ist vielleicht auch bei Euch – trotz Backupkonzept – noch nicht abgesichert. Und an dieser Stelle muss ich an den Kollegen denken, der „eigentlich“ bestens vorgesorgt hatte: Einen NAS Server im Keller, und einen weiteren unterm Dach. „Eigentlich“ – denn wegen eines kleinen Feucherchens, das der Wäschetrockner im Keller auslöste, kam die Feuerwehr, und löschte das Haus wegen extremer Rauchentwicklung vorsichtshalber von oben. Mit Wasser. Viel Wasser… muss ich weitererzählen?

Mein Backupkonzept

hat einhundertprozentig Lücken. Das ist immer so – ausserdem möchte ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall sagen, dass es so „richtig“ ist, ich möchte Euch nur zeigen, wie das unangenehme Thema gelöst habe…

Import der Bilder

Okay, diejenigen von Euch mit den dicken Kameras machen ihre erste Datensicherung schon in der Kamera durch gespiegelte Speicherkarten. Meine kleinen Kameras können das leider nicht. Also beginnen wir mal mit der Speicherkarte:

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Ich lege die Speicherkarte in den Kartenleser und importiere die RAWs mittels Lightroom (LR) in meinen Katalog, der sich auf meiner internen Festplatte befindet. Schon während des Imports kopiere ich diese Originale parallel in ein Verzeichnis auf meinem NAS-Server (Hardware siehe unten) – in „IMPORT MASTERS“. Damit sind nun die Originaldateien aus der Cam doppelt vorhanden – einmal im LR Katalog, und ein weiteres mal als Kopie auf dem Server. Während des Betriebes meines Rechners greift nun auch die Time Machine von Apple und sichert im Hintergrund die Katalogdateien – und den ganzen Mac sowieso auch.

Dann mal fleissig bearbeiten

Ihr seid in Sicherheit – viel Spass bei der Bearbeitung der Bilder. Wenn Ihr damit irgendwann fertig seid, geht es weiter mit dem Handling der Daten…

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Fertig bearbeitet – und jetzt?

Jetzt könnt Ihr Eure Bilder exportieren, um sie Euren Kunden zur Verfügung zu stellen – Upload zu Eurem File-Transfer, oder brennen auf CD, bespielen von USB-Speichersticks etc. – An dieser Stelle kopiere ich das komplette Paket der an den Kunden übergebenen Bilder auf meinen NAS Server in den Folder „ARCHIVE CLIENTS“ – hier findet sich also das Kundenpaket, wie auf CD übergeben (also zum Beispiel auch Bilder in verschiedenen Auflösungen, mit Logo etc). Damit kann ich zu jedem übergebenen Kundenbild auch dann noch, wenn ich inzwischen zB Lightroom nicht mehr verwende – nach dem Wechsel von Aperture auf Lightroom letztes Jahr ist mir erst bewusst geworden, dass das eine gute Idee war.
Zusätzlich dazu exportiere ich die Bilder in grösster Auflösung und bester Qualität nochmals auf den Server in den Folder „ARCHIVE FINALS“ – hier landen nicht nur Kundenbilder, sondern auch meine privaten Bilder vom Töchterchen, vom Hund, Urlaube und Gezumpel.

Weg mit den Originalen vom Rechner – Platz sparen

In Zeiten von lustigen Computern mit schnellen SSDs gilt es immer wieder Platz zu sparen auf den Home Drives – wenn das bei Euch wichtig ist, könnt Ihr schon nach dem fertigen Bearbeiten Eurer Bilder die Originale mittels Lightroom verschieben auf den NAS Server. Ich persönlich mache das alle 3 Monate und schiebe meine Original-RAWs auf den Server in den Share „LIGHTROOM MASTERS“. Bei grossen Jobs spart das wahnsinnig viel Platz.

Alles auf dem Server – das reicht doch? Nein!

So, jetzt habt Ihr eigentlich Euer komplettes „Kapital“ an Bildern auf dem NAS Server. Die Dinger sind in der Regel RAID-gesichert (also zum Beispiel gespiegelt oder mittels verteilter Parität in RAID-5 Systemen sicher gegen den Ausfall einer einzelnen Festplatte). TROTZDEM ist dieser Server nun Euer „single point of failure“ – Server kaputt – alles weg. RAID hilft zwar gegen den Ausfall einer Festplatte – aber was, wenn es wirklich passiert? Der Rebuild auf eine neu eingebaute Ersatzfestplatte in einem RAID System kann durchaus einige Tage dauern – geht in dieser Zeit – in der der Server ohne Pause auf Höchstleistung läuft um die Datenparität neu zu berechnen – eine weitere Platte kaputt, ist es vorbei. Ausserdem sind natürlich alle anderen Risiken immernoch vorhanden: Diebstahl, logische Fehler, Feuer, Wasser, Meteoriteneinschlag, Blitzeinschlag etc.

Also komm, wir sichern den Server. Doppelt.

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Eigentlich alle NAS-Server-Hersteller liefern mit ihren Betriebssystemen auch tolle Backup-Software mit, deshalb macht es meist Sinn, alle Server vom gleichen Hersteller zu kaufen, um die Kompatibilität zu gewährleisten. Auch wenn diese Backup-Systeme eigentlich alle auf rsync basieren ist es mit den Programmen der Hersteller sehr komfortabel, die Backups herzustellen.

Die IMPORT MASTERS sichere ich nicht nochmal, denn es sind ja nur die Originale, die eh schon doppelt vorhanden sind.

Die LIGHTROOM MASTERS sind die Katalogdateien aus Lightroom, und damit mein Augapfel – diese werden sowohl auf meinen Backup Server an anderer Stelle im Haus (aber immernoch im LAN) als auch über Nacht auf einem Server gesichert, der bei Bekannten in Norddeutschland steht. Ebenso sichere ich die ARCHIVE CLIENTS und die ARCHIVE FINALS.

Die Backups innerhalb des LANs lasse ich einfach gegen abend laufen, da sie über Gigabit LAN problemlos nebenher laufen, und dis Switches im LAN diese sehr performant laufen lassen, auch wenn man nebenher arbeitet. Die Nächtliche Replikation auf den Server in Norddeutschland erfolgt via DSL und durch ein getunneltes Protokoll zwischen zwei Routern – das sollte man auf jeden Fall dann nachts ablaufen lassen, wenn man einen IP basiereten Telefonanschluss handelt (oder telefonieren eh doof findet), denn die Server klauen sich in diesem Fall die komplette Bandbreite.

Und die IMPORT MASTERS?

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Also eigentlich könnte man die problemlos einfach löschen, aber ich alter Neurotiker sichere die Ende jeden Jahres vom NAS weg auf eine einfache externe Festplatte und stecke die in einen Schrank. Da liegen inzwischen die Importe von 5 Jahren rum. Wozu? Aus Gründen. Und weil ichs kann.

Und die Technik?

L1011539

Klar, wir wollen natürlich noch über die Technik reden…

Mein Haupt-NAS-Server

ist ein SYNOLOGY DS1513 – Ich habe den Server als RAID 5 konfiguriert. Somit verliere ich bei dem Server mit 5 Platten nur die netto-Kapazität einer Platte am Gesamtvolumen. Von der Performance her ist das vollkommen okay, der Engpass ist ja bei NAS Servern hauptsächlich die Performance des Netzes (Switches nicht unterschätzen!!). Das DS1513 hat den entscheidenden Vorteil, dass es mehrere GBit LAN Ports hat, die sich auch bündeln lassen (funktioniert nur mit intelligenten Switches, die sich managen lassen und „port aggregation“ unterstützen.

Die beiden anderen NAS Server

sind die günstigsten SYNOLOGY-Systeme mit je zwei Platten (ich glaube sie heissen DS-214se). Das Backup System  bei mir zuhause läuft NICHT als RAID System sondern als JBOD (just a bunge of discs) – also ohne zusätzliche Plattensicherung – warum auch, es ist ja schon die Sicherung. Eine von beiden um genau zu sein. Das über 500km entfernte NAS in Norddeutschland jedoch läuft als gespiegeltes RAID 1 – schon weil es durch die dünne Leitung ewig dauern würde, um all die Daten nochmals zu übertragen – hier empfiehlt sich übrigens bei der Erst-Inbetriebnahme bereits den ersten Load im heimischen LAN vorzunehmen – eine Übertragung von mehreren hundert GB viel DSL-Tunnel ist… nunja… lästig…

Warum SYNOLOGY das ideale NAS System für Fotografen ist

weiss ich auch nicht. Ich mag die Produkte, es gibt in allen Preislagen interessante Systeme. Wie gesagt empfehle ich die gleiche Marke für alle verwendeten Systeme da dann auch definitiv die Backups untereinander gut funktionieren, und man nicht per Console und rsync eigene Scripte schreiben muss – es sei denn man will das unbedingt…

Alles zu kompliziert?

Okay, dann tut Euch nen Gefallen, und steckt wenigstens nen Blitzschutzstecker zwischen NAS Server und Steckdose, und passt auf Eure Sachen auf. Stellt den NAS Server nicht im Wäschekeller auf (Staub und tatsächlich höhere Brandgefahr durch Wäschetrockner und Co), kauft Euch endlich die Rauchmelder für Euer Zuhause – nicht nur wegen der Datensicherheit, sondern wegen der Sicherheit von Euren Lieben und Euch selbst, lass Euch am Besten nicht beklauen, checkt mal, wann Ihr Euer letztes TimeMachine Backup gemacht habt, und hofft – gemeinsam mit mir – dass ich meinen neurotischen Quatsch hier vollkommen umsonst betreibe – denn so gefällt mir jedes Backup-Konzept am Besten. Haben und nicht benutzen müssen – wie die Airbags im Auto eben…

 

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