kunst kennt keine likes.

Also um das gleich mal vorweg zu nehmen: Ich habe nicht den Anspruch, ein „Künstler“ zu sein. Das würde ich mir niemals anmassen.

Nur 50 Likes? Looser!

Ich würde gern ein paar Worte verwenden auf das Thema „likes“ auf Social Media  Platformen wie Instagram. Inzwischen definiert sich eine ganze Generation über „Likes“, „Favs“ und „Gefällt mir“ Angaben, die auf den verschiedenen Platformen sehr schnell erkennen lassen, wer „gut“ und wer „schlecht“ ist – schliesslich sagen das die Zahlen ja eindeutig aus, oder etwa nicht? „Kann ein Mensch mit unter 1.000 Followern auf Twitter überhaupt okay sein?“ „Du hast nur 500 Freunde auf Facebook?“ „Dein letztes Selfie hat nur 50 Likes bekommen? Klar, Du siehst ja auch scheisse aus“. So einfach ist die Welt. Nicht? Wenn sie so einfach ist, könnt Ihr sie behalten!

Die Mathematik ist schnell erklärt
(ich bin wirklich schlecht in Mathe!)

Wer viele Follower hat, kann posten was er will – er wird statistisch gesehen mehr „likes“ pro gepostetem Beitrag bekommen, als jemand anders, der den gleichen Beitrag postet aber anstatt zb. 20.000 Followern nur 500 hat – schon deshalb weil der Faktor 40 an potentiellen „Likern“ dazwischen ist. So weit logisch, das kann man auch einfach ausprobieren, wenn man identische Beiträge in zwei Accounts teilt – einem mit vielen und einem mit wenigen Followern. So gibt es zum Beispiel „Künstler“ mit grossen Accounts, die zum Auffüllen und Strukturieren ihrer Instagram Accounts gerne mal „leere Bilder“ (weisse Flächen) posten, und trotzdem für jeden weissen Fleck locker 100 likes und mehr bekommen.

In einer Generation, in der Likes aber so wahnsinnig viel zählen, ist man natürlich geneigt, sich besonders anzustrengen, um viele Follower – und damit hoffentlich auch likes zu bekommen. Für Fotografen eine interessante Zahl: Denn auch Kunden richten sich natürlich gerne nach der Zahl von Fans und „gefällt mir“ – wenn ich einen Fotografen für ein bestimmtes Shooting suche (ich rede über Privatkunden, im Business-Bereich funktioniert das anders – wenn auch nicht schöner) und die Auswahl habe zwischen 3 Fotografen, von denen einer 5.000 Follower hat, einer 1.000 und einer nur 75, dann fällt die Auswahl unter Umständen schnell mal auf den, der so viele „Fans“ hat. Schliesslich ändert sich für einen Fotografen auch die Auswahl von Models, die mit Dir fotografieren wollen. „Du hast 50.000 Fans? Fotografier mich, dann kriegen meine Bilder 1.000 Likes“.

Bessere Bilder – mehr likes?

Innerhalb eines Accounts ist es also ganz einfach: Das beste Bild hat die meisten Likes, oder?
Nein, hat es nicht!
Wieviele Likes ein Bild (immer im Verhältnis zu den Followern) bekommt hängt ausschliesslich davon ab, ob der Geschmack der eigenen Follower getroffen wird, oder nicht. Platt könnte man sagen: Je mehr mainstream ein Foto ist, desto mehr Likes bekommt es. Fotografiere den Massengeschmack, und Du bist „erfolgreich“ in Social Media. Am Besten dann auch noch junge Mädchen mit viel Haut, und die Likes der Followerschaft sind Dir sicher. Dann noch den Zeitgeist treffen: Coole Kappe aufsetzen, ein „urban Shirt“, jetzt noch Parkhausdach, Sonnenuntergang, Gegenlicht – ach ja, sexy soll es auch noch sein – steck ihr nen Lolly in den Mund – fertig ist das Knaller-Foto mit vielen Likes und Favs. Wenn Du jetzt auch noch die Fotografenschaft auf Deine Seite ziehen willst, musst Du das alles noch mit Kamera und Objektiv fotografieren, das grad angesagt ist. Fuji wär super im Moment.

Natürlich (!!) spielt es eine grosse Rolle, ob das Model „hübsch“ ist, oder nicht (nur liegt das natürlich immer im Auge des Betrachters – mein persönlicher Geschmack ist zum Beispiel auch ein anderer als der „übliche“). Das mitteleuropäische Schönheitsideal einer 20-jährigen blonden jungen Frau mit blauen Augen, und einem hübschen Lächeln, und langen Haaren wird schon deshalb immer mehr Likes abbekommen, als ein brünetter Lockenkopf, weil sie eben eher dem europäischen „Standard“ entspricht. „Normal“ macht Likes.

Du bist ein Mädchen, hast einen Mädchen-Account und postest Fotos? Prima. Es sind Fotos die ein Fotograf von Dir gemacht hat? Super, die sind besser – technisch jedenfalls. Aber nicht authentisch „Du“, das gibt Abzug. Nennung des Fotografen gibt gleich nochmal Abzug (getestet). Die Leute wollen Fotos von DIR. Schliesslich hast Du die Bilder doch selber und „nur für sie“ gemacht, oder etwa nicht?


und was ist mit Kunst?

Ein paar meiner besten Bilder sind die Bilder aus dem Dark-Portfolio, oder die kleine „sun.“ Serie. Diese Bilder sind eher künstlerisch, und treffen den „Wald- und Wiesen-Geschmack“ nicht. Es sind Bilder, die sich vielleicht nicht auf auf Anhieb erschliessen – sie zeigen Ausschnitte, oder sind undeutlich. Sie sind dunkel oder „falsch“ belichtet. Sie sind alles ausser normal. Bilder die sich erst beim genauen Hinsehen erschliessen. Auf Social Media Platformen wie Instagram haben diese Bilder keinen Erfolg. Niemand will „Kunst“ sehen. Wie denn auch? Diese Kanäle werden extrem schnell konsumiert. Eine Instagram timeline wird ja regelrecht nur „durchgeschubbst“, Bilder blitzen vorbei – auf Kunst kann sich da niemand einlassen, die Zeit ist gar nicht da.

Und wie kriege ich jetzt Fans und Follower?

Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Der Klassiker: Geduld und gute Arbeit. Wer sich zeit lässt, gute Bilder postet, der wird über die Zeit sicherlich auch viele Fans und damit „likes pro Bild“ bekommen. Dummerweise hat niemand Zeit („gute Arbeit“ ist relativ, dazu später mehr).

Wichtig: #Hashtags – damit werden die Bilder gefunden, da interessierte an „#portrait“ über das Hashtag alle Bilder sehen können, die damit verschlagwortet worden sind. Das geht schonmal besser, dauert aber immernoch ewig.

Interaktion generieren: Platformen wie Facebook zeigen „relevanten Content“ immer dann an, wenn der Interessierte „interagiert“. Was macht man also, damit Inhalte angezeigt werden? Man Provoziert Interaktion. „Schwarzweiss oder Farbe?“, „wer das hier kommentiert nimmt an einer Verlosung teil“, „wem soll ich noch folgen?“, „wer hier kommentiert bekommt ein bussi“ – das funktioniert besonders auf den Platformen, die den Facebook Algorithmus verwenden: Facebook und Instagram (bei Instagram wohl sogar über Stories: frage stellen, Interaktion erzeugen, und Du bekommst in Zukunft Beiträge und Story dieses Users immer gleich und ganz oben angezeigt – die Zeiten in denen Instagram chrononogisch war, sind leider lange vorbei.

Reichweite kaufen: Alle Platformen bieten es an, Reichweite zu „kaufen“. Bei Facebook Fanpages ist es besonders offensichtlich: „Werfen Sie 25,- pro Bild ein, und all ihre Fans und sogar deren Freunde können Ihr Bild sehen. Sonst niemand“. Auch Instagram bietet das inzwischen an, Twitter auch.

Dann ist da natürlich noch der Fleissige: Wer viel viel Zeit hat, kann damit zum Erfolg kommen: Relevante hashtags zu Deinem Genre verfolgen, und Neueste Beiträge in Deinem Genre liken, und (!!) kommentieren. Dann die interessanten Accounts herausfinden, und denen folgen. Folgen sie zurück: SUPER, folgen sie NICHT zurück, dann nach 24h wieder entfolgen. Wenn man das ein paar Monate durchhält, ist es problemlos möglich, einen Account von 0 auf 2.500 Follower in 2-3 Monaten aufzubauen. Es kostet aber wahnsinnig viel Zeit und Nerven (ich habe leider beides nicht)

Der Spammer: er folgt einfach mal JEDEM in der Hoffnung, auch zurück-verfolgt zu werden (es gibt Accounts, die selber 20.000 anderen folgen. LESEN werden die das sicherlich kaum…

Jetzt wirds eklig: Ich kann natürlich auch Follower und Interaktion kaufen. Das geht in „seriös“ über Agenturen, die wirklichen „content“ erstellen, das kostet allerdings Geld (für Instagram muss man da so 30-50,- monatlich rechnen, bekommt aber relevantes Feedback etc. – Geld das sich sicherlich schnell rechnen kann, wenn ich darauf angewiesen bin, Kunden zu bekommen. Ja und dann gibts natürlich noch die chinesischen und indischen Clickfarmen, die 1.000 Follower so für 6,- bis 8,- Euro anbieten. Für Instagram kann man getrennt Follower und likes kaufen. Das erklärt dem ein oder anderen vielleicht einiges…

Was ist denn so ein Like auf Instagram wert?

Das ist schnell beantwortet: Nichts.
(es sei denn, Du arbeitest kommerziell und möchtest Kunden darüber gewinnen, dass Du in social Media „erfolgreich“ bist)

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